Karl W. ter Horst

Leben aus der Krise

Ein Einzeller lebt aus sich selbst. Und indem dieses kleine Lebewesen, ob in einem riesigen Ozean oder in einem winzigen Wassertropfen, leben will, muss es sich mit seiner Umgebung austauschen. Es muss unterscheiden können zwischen dem, was ihm gut tut und dem was ihm schadet. Es muss sondieren können. Nur weil es das kann, kann sich sein kleiner Organismus am Leben erhalten und fortentwickeln. Deswegen hat der chilenische Biologe Humberto Maturana gesagt, alles Leben hat Kognition. Alle Lebewesen sind erkennende Lebewesen. Und so könnte der kleine Einzeller uns zurufen: Cognosco ergo sum! – ich erkenne, also bin ich! Nun kann der Einzeller nicht sprechen, aber es ist tatsächlich so: weil er erkennen kann, ist er. Auch wir Menschen sind erkennende Lebewesen. Wir leben, um zu leben, und wir entfalten unser Leben in einem lebendigen Austausch mit unserer Umgebung.

Schon früh in meiner Jugend habe ich mich der Frage zugewandt: Wie funktioniert das soziale Leben unter den Menschen? Denn wir Menschen leben anders als manche andere Lebewesen der Natur, nicht einzeln, isoliert, sondern in Gesellschaften. Wir bedürfen einander, von Anfang an sind wir angewiesen auf andere Menschen. Wir werden nackt und bloß in diese Welt hineingeboren und sind fast nicht instinktbegabt. Wir hätten frieren und hungern müssen wenn uns unsere Eltern nicht bekleidet und gewärmt und ernährt hätten. Also Leben kommt zum Leben bei uns Menschen dadurch, dass wir für einander da sind. Um das zu erforschen, habe ich an der Universität Münster Soziologie studiert.
Dort habe ich die Theorie gelernt. Die praktischen Aspekte über das, was sozial geschieht, lernte ich 50 Kilometer nordwestlich vom Münsteraner Elfenbeinturm. Denn hier befand sich damals die größte textilindustrielle Metropole des kontinentalen Europas. Im Bereich der Städte Rheine, Gronau und Nordhorn arbeiteten in den sechziger Jahren mehr als 40.000 Menschen in Textilfabriken. Aufgewachsen bin ich in Nordhorn. Als Jugendliche haben wir dort der Kommune ein Jugendzentrum abgetrotzt und dies weitgehend selbst verwaltet. Zahlreiche der mir bekannten Jugendlichen arbeiteten damals als Lehrlinge in den textilen Betrieben. Ich habe mich dafür interessiert, wie Menschen, die nicht studiert haben, ihr Leben organisieren. Gelegentlich kamen Arbeiter zu uns mit der Bitte, ihren Kindern zu helfen, die in der Schule als Legastheniker galten. Wir jungen Leute vom Jugendzentrum bildeten eine Gruppe und halfen den Kindern bei den Schulproblemen. Dabei fanden wir heraus, dass viele der Kinder keine Legastheniker waren. Sie hatten nur nicht die Möglichkeiten, so zu lernen wie andere. Dadurch entstand ein lebendiger Kontakt zu den Arbeiterfamilien. Anfangs habe ich mich bei Hausbesuchen manchmal gefragt, warum so leise gesprochen wird. Die Antwort war: "Papa schläft noch, der hatte Nachtschicht." Mir wurde mit den Jahren bewusst, was Menschen in Familien füreinander tun, was es bedeutet, das Leben zu leben, was es bedeutet, eine Familie zu ernähren, welche Bedeutung der Satz hat, Kinder werden hineingeboren in diese Welt, nackt und bloß und müssen versorgt werden. Was es bedeutet, acht Stunden in Schichtarbeit zu arbeiten, in der Spinnerei, den Webereien, der Veredelung, was es bedeutet, diese Arbeiten einmal erlernt zu haben, und dass hier viele Tausend Menschen in den Fabriken zusammenarbeiten und das, was sie als Einzelne können, zusammenfügen zu einem Ganzen. Was es bedeutet, wenn Menschen die Qualität ihrer Arbeit und ihrer Fähigkeiten bündeln und daraus Produkte entstehen. Dass es nicht die Leistung von wenigen an der Spitze ist, sondern die Leistung vieler, vieler Menschen. Und zunehmend habe ich gedacht, diese Leistung darf nicht nur gewürdigt werden durch Entlohnung, diese Leistung bedürfte eigentlich einer Beteiligung, einer Gemeinschaft, sie müssten das, was sie gemeinsam tun und erarbeiten, auch gemeinsam organisieren und verwalten.
Woche für Woche haben wir über sieben Jahre Informationen an die Arbeiter verteilt. Wir waren Arbeiter, Schüler und Studenten. Woche für Woche haben wir informiert und informiert. Die Information kam aus den Betrieben, von den Arbeitenden, wir haben sie ihnen "soziologisch" aufbereitet zurückgegeben. Und die Menschen haben uns die Information aus den Händen gerissen. Es entstand so etwas wie eine Bewegung. Menschen wurden bewegt durch die Information. Ausführlich wurde über veränderte Arbeitsbedingungen in den Werkshallen, über die Modernisierung von Webstühlen und die Rationalisierung der Arbeitsrhythmen, die unerträglich schmutzige Luft in der Ausrüstung oder schlicht über Interna der betrieblichen Rentenkasse berichtet. Einmal fiel uns eine Liste mit den Sondergratifikationen sämtlicher leitender Angestellter der größten Nordhorner Textilfirma in die Hände. Die Personalaufsicht hatte sie im Fotokopierer vergessen. Am nächsten Tag war die Liste in den Händen von 4000 Arbeitern. Mit der Zeit entstanden ausführliche Dokumentationen zur Geschichte der Textilindustrie, zum Beispiel über die Mitwirkung und aktive Beteiligung örtlicher Textilbarone als Berater und Wehrwirtschaftsführer in der Nazidiktatur. Die Auflage dieser Dokumentationen lag jeweils bei 1500 Exemplaren und wurde restlos an den Betriebstoren verkauft, aus dem Erlös konnte das Papier für die weitere Arbeit beschafft werden. Hier nun wurde nach langwierigen Recherchen das ans Licht der Öffentlichkeit gebracht, wovon man bisher nur hinter vorgehaltener Hand munkelte: die Behinderung ansiedlungswilliger Betriebe aus Elektronik und Metallverarbeitung. Das Motiv der textilen Eliten war die Furcht vor einer möglichen Lohnkonkurrenz; am niedrigen Lohnniveau in der Textiler sollte nicht gerüttelt werden. Für die Durchführung ihrer Taten waren sie personell gut aufgestellt, so war der Syndikus der drei größten Nordhorner Textilfirmen gleichzeitig Kreisvorsitzender der örtlichen CDU.

1975 erkannten wir den Niedergang der Textilindustrie. Diese Erkenntnis folgte keiner prophetischen Eingabe. Sie resultierte aus der Erfahrung des Risikos, das alles Große, Zentrierte und Mächtige auf sich zieht und am kritischen Punkt seiner Ausdehnung nach außen wälzt wie ein spuckender Vulkan seine glühende Lava. Größe macht unbeweglich und träge. Anstatt nun zu entflechten und auf kleinere, flexiblere Einheiten zu setzen, gehen die Mächtigen der Wirtschaft den Weg der Verflechtung mit der politischen Macht. Die Verflechtung von Politik und Kapital will die industriellen Giganten vor Risiken schützen. Aber in Wirklichkeit hält man sich wie im Fall der westdeutschen Textilindustrie nur die lästige Konkurrenz vom Leib, lässt das System noch träger und schwerfälliger werden und weist unter dem Schein der Stabilität jeden Ruf nach Reform und Erneuerung weit von sich. Es ist so, als wollte man durch ein unablässiges Hineinschütten von Zement in das Auge des Vulkans seinen Ausbruch vermeiden, der durch solche Verzögerung nur katastrophaler erfolgen würde. Aber es war ja nicht nur ein Hinauszögern. Mit ihm wurde der Aufbau von Alternativen am Rande der textilen Monokultur systematisch verhindert.
Schließlich brach der Vulkan aus und seine Lava ergoss sich über Tausende von Existenzen und verwandelte radikal die Oberfläche der Region. Auf erkaltetem Gestein zertrümmerter und planierter Industriebrachen parken heute auf riesigen Flächen Autos an Autos vor Diskountern, die einen neuen, nicht minder gefährlichen Zentralismus pflegen.
Was ist die Lehre aus alledem, auch angesichts der gegenwärtigen Finanz- und Weltwirtschaftskrise? Die Menschen sollten in den Bereichen, wo sie leben und arbeiten, übersichtlich gestalten können. Eine regionalisierte, also nicht zentrale Produktionsform wäre gut. Übersichtlichkeit bedeutet, dass Menschen dort, wo sie arbeiten und kooperieren, auch betriebswirtschaftlich zusammenwirken können. Wir müssen wegkommen von den Zwängen und den Fesseln, die uns angelegt werden durch die Zentralen, egal ob es sich um eine Energiezentrale, eine Unternehmenszentrale oder um die Börse handelt. Wir müssen dezentralisieren und alles tun, was in unseren Kräften ist, das Leben, da wo es lebt, zu fördern, zu entfalten.

Wie der kleine Einzeller, der da, wo er lebt, unterscheiden kann zwischen dem, was ihm gut tut und was ihm Schaden zufügen könnte. Und der deswegen ein erkennendes, kognitives Lebewesen ist.

20.2. 2009