Dr. Karl W.
ter Horst
Thesen zur Kulturarbeit und Lohnarbeit
Vorbemerkung
5 Millionen offiziell registrierter Erwerbsloser - und
ein Ende ist nicht in Sicht! Die vergangenen drei Jahrzehnte haben
gezeigt, dass alle herkömmlichen Instrumente der Stellenbeschaffung (z.B.
ABM) vielleicht partiell und übergangsweise gegriffen, aber über längere
Zeiträume versagt haben. Das geschichtlich Neue ist die Hilflosigkeit, die
die politische Elite demonstriert. Denn bereits ohne ökonomischen
Sachverstand ist eines ersichtlich: Weltweites Wirtschaftswachstum - von
Politikern gerne als Motor zur Ankurbelung von Stellenbeschaffung
dargestellt - bringt neuen Reichtum hervor, der selbst wieder zum
profitorientierten Instrumentarium wird, Arbeitsplätze durch den Einsatz
moderner Maschinerie und Technologie wegzurationalisieren. Während die
Armutsrate national und weltweit erschreckende Ausmaße annimmt, wird der
Druck auf die verbleibenden Lohnarbeiter erhöht. Sicher geglaubte Maßstäbe
der Menschenwürde geraten ins Wanken und der Respekt vor der seelischen
und körperlichen Integrität der Arbeitenden weicht einem rücksichtslosen
Zugriff auf ihre Arbeitskraft.
I
Da davon auszugehen ist, dass kein nennenswerter Anteil der Masse
erwerbsloser Menschen dauerhaft beschäftigt werden kann, muss ein
ehrliches Konzept für den Umgang mit den Betroffenen auf den Tisch. Dies
beginnt bereits mit der Sprache. Nur jemand, der wenigstens eine vage
Aussicht auf Arbeit hat, kann als "arbeitslos" oder "arbeitssuchend"
betitelt werden. Wenn die Suche realistischerweise als erfolglos erkannt
ist, hat eine solche Formulierung sogar diskriminierenden Charakter. Das
Leid der Menschen ohne Lohnarbeit hängt vielfach gar nicht mit ihrem
Status zusammen, sondern mit solchen diskriminierenden Begriffen und dem
ideologischen Hintergrund, dass nur ein Mensch, der von Arbeit gesegnet
ist, wertvoll sei.
II
Deswegen gilt es, zunächst einmal hervorzuheben, dass es ein
wertvolles Leben jenseits oder diesseits des Lohnarbeitsprozesses gibt.
Vielleicht ist ein solches Lebes sogar gesegneter als das hinter den
Betriebstoren. Der Jahrhunderte alte Kampf der Frauenbewegung um die
Anerkennung der häuslichen und erzieherischen Arbeit zeigt dies ja. Erst
langsam kommt man darauf, dass hier vielleicht sogar das Zentrum der
gesellschaftlichen Arbeit liegt. Im Licht der familiären Arbeit könnte man
sich zahlreiche Sektoren der Non-Profit-Tätigkeiten vorstellen, die zwar
kein Geld umsetzen, aber von unschätzbarem, manchmal durch nichts zu
ersetzendem Wert sind für die menschlichen Gemeinschaften im Einzelnen und
die sozialen und ökologischen Systeme im Allgemeinen.
III
Non-Profit-Arbeit geschieht in Tätigkeitsfeldern, deren sozialer
und ökologischer Wert außer Frage steht: der ganze Komplex von Sozial- und
Erziehungsarbeit, einschließlich der Besuchskontakte zu alten und
pflegebedürftigen Menschen, die Erhaltung landwirtschaftlicher Höfe und
Kulturflächen ohne gewerbliche Absicht, sämtliche Dienstleistungen, die
sich auf der Ebene von Geben und Nehmen oder des direkten Warenaustausches
bewegen, alle Bereiche der Renaturierung und Wiederaufforstung, nicht
zuletzt Fortbildung, Politik, Religion und Philosophie.
IV
Diese Bereiche werden ab sofort anerkannt als Sektoren wertvoller
gesellschaftlicher Kulturarbeit. Alle "Erwerbslosen", die sich nach ihren
Fähigkeiten und Bedürfnissen in einem dieser sozial-kulturell wertvollen
Sektoren engagieren möchten, erhalten ein Grundgehalt, das auf der Basis
von Hartz IV zuzüglich eines Zuschlages, der wenigstens den Erträgen aus
den sogenannten Ein-Euro-Jobs zu entsprechen hätte. Der Reichtum der
zentralkapitalistischen Nationen ist inzwischen so immens, dass eine
solche Finanzierung dauerhaft zu sichern wäre. Schon das Konzept von Hartz
IV trägt ja das Eingeständnis langfristiger, dauerhafter Finanzierung
ähnlich der der traditionellen Sozialhilfe.
V
Die Entscheidung der Menschen ohne Lohnarbeit für die Kulturarbeit
ist freiwillig. Als Entscheidungshilfe für den zu wählenden Kultursektor
werden ab sofort Orientierungsmaßnahmen in dafür geeigneten Einrichtungen,
wie Volkshochschulen, Gewerkschaften, Kirchen etc. durchgeführt. Nach den
Bedürfnissen und Fähigkeiten der Teilnehmer könnten Kultur-Zirkel
eingerichtet werden, die die Möglichkeit von sporadischen oder
kontinuierlichen Zusammenkünften in diesen Einrichtungen erhalten.
VI
Wer sich für Kulturarbeit entschieden hat, gilt nicht mehr als
"Arbeitsloser" oder "Arbeitsuchender", wenngleich sie oder er jederzeit
die Suche nach bezahlter Lohnarbeit mit Hilfe der bestehenden Agenturen
wieder aufnehmen kann. Selbstverständlich entspricht die Einkommenslage
des Kulturarbeiters in keiner Weise der eines durchschnittlichen
Lohnarbeiters. Aber die Attraktivität der Kulturarbeit liegt nicht beim
Geld, sondern in der bedürfnisorientierten Qualität der selbstgewählten
Arbeit und der wiedererlangten Menschenwürde.
VII
Gesellschaftlich anerkannte und entlohnte Kulturarbeit flankiert
den gewerkschaftlichen Kampf um die Reduktion der wöchentlichen
Arbeitszeit in der herkömmlichen Lohnarbeit, weil der Konkurrenzdruck auf
dem Arbeitsmarkt erheblich minimiert wäre. Im übrigen gilt unzweifelhaft
als einziges Konzept für die Erhaltung, möglicherweise Vermehrung von
Stellen in abhängiger Lohnarbeit die Kürzung der wöchentlichen Arbeitszeit
und Verteilung von Arbeiten auf mehrere Personen. Hat sich das Konzept der
Kulturarbeit einmal durchgesetzt, so werden sich die Bedürfnisse der
Menschen von der Geld- und Besitzstandsorientierung wieder dem Leben und
den ihm innenwohnenden Freuden zuwenden. Utopisch betrachtet, könnte eine
Zeit eintreten, in der es dem Kapital rechte Mühe macht, noch Leute zu
finden, die bereit sind, ihre Arbeitskraft zu Markte zu tragen. Wenigstens
könnten sie diese dann teuer verkaufen.
(wird fortgesetzt; Schüttorf, den 1. Mai 2005)